Aspects and Reviews

Schwul u. Kirche?

 

Ein schwuler Christ erzählt aus seinem Leben

Für so manchen gläubigen Schwulen hat die Kirche zunächst einen festen Platz in seinem Herzen. Irgendwann jedoch wird dieser kirchliche, christliche und biblische Suppeneintopf für viele Schwule allerdings sauer, schimmlig und ungenießbar. Statt die Betroffenen in ihrer Andersartigkeit zu tolerieren und anzunehmen, erweist sich die Kirche für die allermeisten Schwulen als Feind, so dass eines Tages vieles von dem verdampft und verglüht, was so manchen Schwulen einst mit der Kirche verbunden hat. Und als abgestempelte Sünder bleibt ihnen oft keine andere Wahl, als die unmenschliche und lieblose Lehre der Kirche, ihre Dogmen, ihre Starrheit und Sturheit, ihre bodenlose Arroganz und grosse Sündhaftigkeit fortan zutiefst zu verabscheuen.

 

Schwulsein und Kirche? Nein, Danke!!!

Es gibt so vieles, was auf meiner Seele lastet. Mit 16 Jahren hatte ich mein sogenanntes Coming Out, dieses Erkennen und erste Wahrnehmen meiner homosexuellen Neigungen, Gefühle und Empfindungen. Es war ein Sturz vom Gipfel hinunter in den Abgrund, hinunter in halsbrecherische Tiefen der Einsamkeit und Verzweiflung.
 

Heute bin ich 46 Jahre alt und in diesen dazwischenliegenden 30 Jahren habe ich eine Unmenge Enttäuschungen und Verbitterungen erfahren und durchlitten. Dieser 30jährige Weg durch die Wüste hat mich gezeichnet und seine Spuren hinterlassen. Diese lange Wüstenwanderung hat an meinen Nerven gezehrt und gerüttelt. Sie hat meine Lippen und meine Seele ausgetrocknet, denn nirgendwo und nirgendwann ein durststillender Tropfen lebendigen Wassers. Aus Pfützen und Tümpeln habe ich meinen Lebensdurst stillen müssen. Nirgendwo eine Oase des Glücks, nirgendwo ein mich liebender Partner. Statt Zweisamkeit Einsamkeit, statt Verständnis nur Hohn, Spott und Verachtung, statt Wärme nur eisige Kälte in vielen Ecken und Winkeln meines unerfüllten Daseins. Statt Lebensmut und Lebensfreude oftmals völlig ruinierte Mutlosigkeit und mich an der Kehle würgende Depressionen.

Mitten hinein in diesen Sumpf und Morast dringt ein mich zunächst wärmender Sonnenstrahl: der Glaube an Gott und die Gemeinschaft mit Glaubensgeschwistern. Dieser Glaube an Gott und die Gemeinschaft mit ebenso gläubigen Menschen läßt mich die Katastrophe meines Lebens zwar nicht vergessen, jedoch weniger drastisch wahrnehmen.
Dann aber beginnt auch in diesen christlichen Kreisen das Tuscheln hinter meinem Rücken und ich leide unter einer Verkündigung, die mein Anderssein als eine „sündhaft gottlose Entartung“ predigt. Die diesbezüglich biblischen Zitate möchte ich während dieser Zeit am liebsten aus allen Bibeln dieser Welt herausreißen. Widerum stürze ich in eine Lebenskrise und vertraue mich erstmals den damals im Ort amtierenden Pfarrer an. Es folgen  seelsorgerliche Gespräche und der ehrenwerte Herr Seelsorger ist eifrig bemüht, mein Denken, Fühlen und Empfinden, meine homosexuellen Neigungen in die „normalen“ Bahnen zu lenken. Er „spritzt“ mir sozusagen das angeblich „göttliche“ Wort in meinen Geist und Körper und ich werde seelsorgerlich „mit göttlichem Rat und göttlicher Weisheit“ verarztet und geimpft.

Der gute Herr Pastor möchte mich heilen von meiner „krankhaft sündigen Neigung“ und verabreicht mir eine Unmenge grausamer Ratschläge,wie ich fortan „mit Gottes wunderbarer Hilfe“ mein Leben in den Griff bekommen und somit gerettet werden könnte. Und ich nicht weniger armer Irrer sage zu all diesem Unsinn und zu all diesem seelsorgerlichen Unrat vorerst unbedenklich auch noch mein Amen und bin eifrig bemüht, die mir erteilten Ratschläge unbedingt zu befolgen,  fest an Gottes Güte zu glauben und seiner „Barmherzigkeit“ zu vertrauen.

 

Insofern ich damals sehr dumm und töricht war, bin ich im Laufe der Jahre um ein Vielfaches klüger geworden. Oh ja, dieser Gott hat mich „geheilt“, aber nicht etwa von meiner Homosexualität, denn hier gibt es für ihn nichts zu heilen. Nein, dieser „barmherzige und gütige“ Gott hat mich von etwas ganz anderem befreit. Er hat nämlich die Zäune niedergetreten und abgerissen, die mich in der Kirche eingeengt und erdrückt haben. Aber dies hat jahrelange Zeit in Anspruch genommen und dieser Prozeß der Wandlung und Veränderung ereignete sich nicht von Heute auf Morgen, sondern allmählich und nahezu im Schneckentempo.

Zunächst mußte ich erst noch erfahren, was sogenannte christliche „Hauskreise“ sind und wie verbohrt und hartnäckig sich derartige Hauskreis-Christen auf die Bibel versteifen und deren Aussagen ohne Wenn und Aber als „göttliches“ Wort an uns Menschen deklarieren.
Eine großangelegte Evangelisationswoche wurde eines Tages veranstaltet und der „gottgesandte“ Evangelist berührte die Herzen und Gemüter einiger jugendlicher Christen so sehr, daß diese alsbald einen Hauskreis gründeten. Fortan trafen sich diese „neugeborenen“ Jünger Jesu regelmäßig und abwechselnd in ihren privaten  Wohnzimmern und vertieften dort den sie seligmachenden Glauben. Da auch ich so gern ein Superchrist sein wollte und immer noch total geistig und geistlich verkalkt war, habe ich natürlich auch jeden Sonntagabend diesen Kreis besonders bibeltreuer Naivlinge besucht und somit  das armselig kleine Häuflein um einen Heiligenschein mehr oder weniger mit meiner steten Präsenz bereichert.

 

Und dieser Hauskreis, diese in ihm befindliche Schar junger und bibelfanatischer Christen, hat das kirchliche Gerüst mitsamt seiner Lehre und Gottlosigkeit in meinem Innersten schliesslich zum Einsturz gebracht. Wohin man auch blickte während dieser Zusammenkünfte: überall lauerte die Sünde, der Verfall, der Ungehorsam, die Gottlosigkeit. Vieles, was nie und nimmer Sünde ist, wurde als Sünde gebrandmarkt. Überall wurden die satanischen Mächte der Finsternis vergegenwärtigt, nur nicht betreffs des eigenen Denkens und Handelns. Wir waren die gerechtfertigten Sünder, wir hatten Gnade und Vergebung erlangt. Und so dankten, lobten und priesen wir Gott mit unseren Liedern und Gebeten, bettelten um seine Gnade für die ach so sehr armen und bemitleidenswerten Nichtchristen und schauten selbstbetrügerisch und arrogant von oben nach unten.



 

Selbstverständlich galt auch die Homosexualität in diesem Kreis als schlimme Sünde vor Gott und den Menschen. Homosexuelle waren im Denken dieser göttlichen Engel für immer und ewig von Gottes Liebe getrennt. So sagte es angeblich die Heilige Schrift, so wurde man erzogen und so hatte man es gelernt „im Hause des lebendigen Gottes“.

Wie lange kann man einerseits als Homosexueller und andererseits als gläubiger Mensch ein derartig vernichtendes Gerede wohl aushalten und ertragen? Eines Tages platzte es inmitten einer „hochheiligen Hauskreisversammlung“ aus mir heraus: „Ich bin schwul!“ Woher hatte ich nur diesen Mut ? Warum dieser offenkundige Wahnsinn?
Gespenstische, peinliche Stille schwebte durch den Raum. Ungläubig hielten die eifrigen Christus-Nachfolger den Atem an und entsetzte Blicke bohrten sich auf meine Lippen. Will der uns jetzt verarschen? Läuft der etwa nicht mehr ganz rund? Und dann die Ernüchterung: So stimmt es also doch, was manche uns längst über Dich erzählt und zugeflüstert haben!

 

Kein Wunder, daß ich nach meinem Bekenntnis fast zu Tode gesteinigt wurde, aber nicht mit Steinen, sondern mit vernichtenden Blicken und Worten, mit allzusehr menschlichen Worten, die jedoch selbstbetrügerisch als „göttliche Worte“ gepredigt wurden. Aber wer redete hier tatsächlich? Gott? Oder nur irgendwelche in ihrem Denken behinderte und eingeschränkte Menschen, die für all das, was sie dachten und glaubten, dem lieben Gott die Verantwortung zuschoben?
Tage und Wochen später war alles, was mich mit diesen Christen einmal verbunden hatte, nur noch ein einziger Trümmerhaufen. Ich explodierte regelrecht in meinem Innersten und warf alles über Bord, was auch nur irgendwie einen kirchlichen, religiösen Beigeschmack hatte. Ich zog endlich und endgültig einen ganz dicken und fetten Schlußstrich darunter, mein ohnehin nicht besonders glückliches Leben weiterhin mit einer frommen Maskerade zu übertünchen.

Welches Gewicht hat denn schon eine christliche Gemeinschaft, in der Liebe und Barmherzigkeit meist nur leere Formeln, Floskeln und Begriffe sind? Kein Schwuler wird sich auf Dauer in einer Kirche, die sein Denken und Fühlen verurteilt, wohl und heimisch fühlen können.

Es ist so leicht, für andere Notleidende zu beten, jedenfalls viel leichter und bequemer, als mit ihnen zu reden. Wenn es ihn tatsächlich geben sollte, diesen biblischen Gott, möchte er dann nicht durch menschliches Handeln und Tun seine Hilfe erweisen und mit menschlichem Mund  zu anderen Menschen sprechen, die ganz tief unten angekommen sind? Wenn Gott tatsächlich existiert, dann  gab er uns doch nicht nur Hände und Lippen zum Beten, sondern auch zum Anpacken und Trösten. Das haben jedoch viele mir bekannte und vertraute Christen nie beherzigt und das homosexuelle Monster wurde einfach totgeschwiegen, denn so ist es schliesslich am Einfachsten und Bequemsten.

Ich bin heute sehr froh darüber, daß ich es damals gewagt habe, mich in diesem Hauskreis zu meinem Schwulsein zu bekennen. Welch eine Tragödie! Nein, das konnte und durfte doch unmöglich wahr sein: Ein Homosexueller in unserer Mitte! Stimmen wurden laut, ich würde mir meine Homosexualität ganz bestimmt nur einreden, denn letztlich wären nur ganz wenige Menschen tatsächlich homosexuell.

 

Die Wirklichkeit jedoch ist gerade umgekehrt: Es gibt weit mehr Homosexuelle, als allgemein angenommen wird. So mancher ist homosexuell und bringt es niemals über sich, sich diese Tatsache einzugestehen. Andere schieben es immer wieder von sich weg und wollen oder können es einfach nicht wahrhaben, daß sie anders sind. Und widerum andere merken es erst im späten Alter, warum und weshalb sie ihr ganzes Leben lang nicht glücklich zu werden vermochten.
Würden sich alle Schwulen und Lesben zu ihrem Anderssein bekennen und somit in der Öffentlichkeit sichtbar werden, dann gäbe es viele erstaunt aufgerissene Augen. Doch weil sich die meisten Homosexuellen aus Furcht vor Verachtung und Diskriminierung versteckt halten, glauben viele Leute, es gäbe letztlich nur  wenige Homosexuelle.

 

Welch ein Irrtum in den Köpfen vieler Menschen! Und oftmals machte ich die Erfahrung, daß so erschreckend viele Menschen nur sehr, sehr wenig über Homosexualität wissen und das sich nur ganz wenige Menschen für etwas interessieren, wovon sie selbst nicht betroffen sind. Und erst recht in christlichen Kreisen ist Homosexualität kein Thema, mit dem es sich ernsthaft zu beschäftigen lohnt. Man spricht in diesen Kreisen vielleicht dann und wann einmal über die „sündhaften“ Homosexuellen, aber man redet keineswegs mit ihnen. Man meidet den Dialog. Die Probleme einer Minderheit sind nicht gefragt und stehen nicht zur Debatte.

Diese Erfahrung findet sich daher auch in einer meiner früheren Tagebuchaufzeichnungen vom 14. Febuar 1994:
Mein Mund, mein Herz, meine Gedanken: welch eine Fabrik verbitterter und enttäuschter Lebensäußerungen. Statt heilender Worte umgibt mich nur tödliches Schweigen. Worte aus Schall und Rauch dringen an mein Ohr, Worte, die abgewetzt und verschlissen sind wie alte Schuhe. Wir Menschen laufen aneinander vorüber, versagen uns Zuwendung und Geborgenheit. 

In der Bibel stehen neben mancherlei Unsinnigkeiten auch vielerlei gute Ratschläge und Lebensweisheiten. Im Neuen Testament heißt es zum Beispiel: Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.
Wo aber waren die Menschen in meinem Leben, denen mein Wohl, mein seelisches Gleichgewicht am Herzen lag? Nein, den Acker meines Lebens mußte ich mir mühsam selbst bestellen, den Dschungel in meinem Herzen mußte ich ebenso mühsam selbst roden, und die mir helfenden Worte mußte ich mir oftmals selbst sagen.

 

In einem Songtext heißt es:
            Nimm dir Zeit und versuch mit dem andern zu reden.
            Stell dich ganz auf ihn ein, denn die einzige Hoffnung bist du.
            Hilf deinem Nachbarn und mach dir Gedanken um jeden,
            sonst bist du bald selber allein und kein Mensch hört dir zu.

Ja, so könnten wir Menschen grünen wie ein Baum, der Früchte trägt und Schatten spendet. Aber statt zu grünen, vertrocknen wir meist zu nichtsnutzigem Reißig in strohtrockener Gedankenlosigkeit. Ich schaue zurück und spüre den eiskalten Hauch des erdrückenden Schweigens. Dieses beharrliche Schweigen ist gleichfalls eine Art der Diskriminierung, denn dahinter verbirgt sich oft unausgesprochene Ablehnung, die Macht des Tabus. Wie sehr hatte ich doch gehofft, es würde einmal jemand wagen, ein positives Wort für meine Gefühle auszusprechen und mich in meinem Anderssein auch nur ein einzigesmal zu ermutigen.
Jesus - das Vorbild eines jeden Christen. Aber gerade diese Christus-Enthusiasten haben es nie begriffen, daß gerade sie als Christen denen, die homosexuell sind, das Leben oft zur Hölle machen. Kein Wunder also, daß ich schließlich nicht mehr zu glauben vermochte, was Kirche, Bibel und  Christen sagen, lehren und verkünden.

Ich möchte es allen ernsthaft gläubigen Menschen ans Herz legen: Vertraut nicht blindlings den Lehren und den Lehrern der Kirche. Vertraut niemals vorbehaltlos den Worten von Menschen. Es entspricht vieles nicht der Wahrheit, was von den Kanzeln herab verkündigt und in christlichen Büchern gepredigt wird. Bildet euch vielmehr eine eigene Meinung, ein eigenes Urteil und übernehmt nicht immer nur, was vermeintliche Gelehrte und frömmelnde Intellektuelle in Büchern und Gesprächen euch aufschwatzen wollen.

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"Sündhafte Perverslinge"


 

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